Infobrief - 2002 geschrieben, aber immer noch brandaktuell.

 

Copyright liegt bei Daniela Lord, Gernsheim.

Diesen Brief habe ich geschrieben um Missverständnissen vorzubeugen. 

Sie werden diesen Brief (teilweise in Auszügen) auf einigen Tagesmütterseiten im Netz finden                                                 da ich ihn auf Bitten meiner Kollegen/innen hin zur freien Verwendung unter Angabe der Quelle                                                zur Verfügung gestellt habe. 

Falls Sie diesen Brief (gedruckt oder auf Ihrer HP) verwenden möchten bitte ich Sie sich

vorher kurz mit mir in Verbindung (Kontaktformular) zu setzen, vielen Dank.

 

Gernsheim, den 01.08.2002

 

Liebe Eltern.

 

Sie haben sich dazu entschlossen Ihr Kind in private Tagespflege zu

geben.   

    

Eine gute Entscheidung, denn in keiner vergleichbaren öffentlichen

Einrichtung erfährt   Ihr Kind so viel Zuneigung und individuelle

Betreuung und Förderung wie durch eine Tagesmutter.

 

Nachfolgend habe ich eine Menge über Dinge aufgeschrieben die immer

wieder zu Missverständnissen zwischen der Tagesmutter und den

abgebenden Eltern führen. Ich hoffe so schon im Vorfeld eines

Betreuungsverhältnisses gewisse Unklarheiten aus dem Weg zu räumen

bzw. vorzubeugen, dass erst gar kein Grund für Unstimmigkeiten

aufkommen kann.

 

Natürlich ist in einer Tagespflegefamilie auch vieles anders als zu

Hause oder in einer Kinderkrippe. Eine Tagesmutter wird niemals ein

Programm wie eine öffentliche Krabbelgruppe bieten. Die private

Tagespflege versteht sich als familienergänzendes Angebot für

berufstätige Eltern oder solche, die ihr Kind - aus welchen Gründen

auch immer zeitweise fremd betreuen lassen möchten/müssen.

 

Es ist also meine oberste Prioritaet den Kindern einen Platz in

unserer Familie zu geben an dem sie sich wohl, behütet, geliebt,

sicher und aufgehoben - ja vielleicht sogar heimisch fühlen. Das

bedeutet, dass die Kinder wie meine eigenen in der Familie am Alltag

teilhaben.

 

Und zu einem normalen Familienalltag gehört neben dem gemeinsamen

Spielen, Singen, Basteln und Spazierengehen auch das Einkaufen gehen,

Kochen, Wäsche waschen, Bügeln, Putzen, aufräumen, Arztbesuche

gemeinsam wahrzunehmen, usw. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich

die Kinder ins Spielzimmer einschließe, sich selbst überlasse und

dann in Ruhe meinen Haushalt und meine Besorgungen mache, sondern nur,

dass neben dem Leben und Spielen mit den Kindern auch die o.g. Dinge

erledigt werden müssen. Die Kinder profitieren von diesem normalen

Familienleben und geniessen die gemeinsamen Aktivitäten die trotz

allem nicht zu kurz kommen. Es kann nicht im Sinne einer normalen

Erziehung sein, dass das Kind den ganzen Tag "bespielt" wird. Für

die Entwicklung der Kinder ist es wichtig Erfahrungen im Spiel selbst

und ohne Hilfe und Vorgaben zu sammeln was nicht heißt, dass die

Tagesmutter nur als Wache bei den Kindern sitzt.

 

So kann es auch mal sein, dass wir aufgrund eines Ausfluges mittags

ein schnelles Essen kochen damit die Kleinsten trotz einem  

ausgiebigen Vormittagsprogramm noch rechtzeitig zu Ihrem Mittagsschlaf

kommen.

Eine Tagesmutter mit mehreren Kindern lebt wie eine Großfamilie. Und

da geht nun mal nichts ohne Planung und genaue Absprachen. Deshalb ist

es mir auch so wichtig, dass die Eltern die Bring- und Abholzeiten

einhalten. Denn im Winter mit 4 angezogenen Kindern im Flur zu sitzen,

die alle quengeln weil es ihnen zu heiß wird, oder im Sommer im

heißen Auto zu warten weil eine Mutter/ein Vater zu spät kommt ist

mindestens genauso anstrengend für alle wie die verfrühte Abholung

eines Kindes mitten im Spiel oder Mittagessen. Natürlich habe ich

Verständnis dafür, dass den Müttern/Vätern auch einmal ein Stau,

ein längeres Warten beim Arzt oder ähnliches. das pünktliche

Erscheinen bei der Tagesmutter erschweren kann, aber für diesen Fall

gebe ich jeder Familie meine Visitenkarte mit auf der sämtliche

Telefonnummern stehen über die ich im Notfall zu erreichen bin. Ich

bitte Sie zu bedenken, dass auch Sie auf eine zuverlaäsige und

puüktliche Betreuung angewiesen sind.

 

Schon einige Eltern haben mich gefragt wie ich auf die Höhe der

monatlichen Beiträge komme und warum nur ein Teil davon als

Betreuungsgeld gilt, der Rest als sogenannte Betriebskostenpauschale

ausgewiesen wird.

Nun, das ist ganz einfach. Der Betrag, den Sie monatlich für die

Unterbringung ihres Kindes zahlen ist nicht gleichzusetzen mit dem

Bruttoverdienst der Tagesmutter.

Der Verdienst ist der Betreuungsgeldanteil.

Die Betriebskostenpauschale wird für die Nahrungsmittel und Getraenke

aufgebraucht, die das Kind bei der Tagespflegefamilie zu sich nimmt.                    Außerdem werden damit die restlichen Kosten finanziert die durch die

Betreuung der Kinder entstehen. Dazu gehören u. a. Investitionen

in Spielzeug, Bücher,Hochstühle, Kinderbetten, Bettwäsche, Bettzeug,

Matratzen, Autositze, Fahrradsitze, Kinderwagen, Buggys, Lätzchen,

Geschirr, Besteck, Bastelmaterial, usw. die alle einem wesentlich höheren

Verschleiss unterliegen als in sogenannten "normalen" Familien und

deshalb wesentlich öfter erneuert, repariert oder gekauft werden

müssen. Durch die Anwesenheit von wesentlich mehr Kindern im Haushalt

steigen natürlich auch die Nebenkosten wie Strom, Wasser,

Müllgebühren, Heizkosten, der Verbrauch an Putz- und Waschmitteln

usw. Die Tagesmutter stellt Pflegeprodukte wie Wundschutzcreme, Seife                        Toilettenpapier, Taschentücher ect. auch das kostet Geld.

 

Nicht zuletzt die wichtigen und teilweise unumgänglichen

Versicherungen der Tagesmutter, die ja nicht angestellt sondern

selbständig tätig ist müssen davon bezahlt werden. Dazu gehören

eine Haftpflicht-, eine Unfall-, eine Kranken- und eine

Rechtschutzversicherung.

Außerdem müssen die Pflichtbeiträge an die Deutsche

Rentenversicherung Bund für die Rente getragen werden. 

 

Auch Beiträge zu Berufsverbänden, Kosten für Fortbildungen (die größtenteils                 in der Freizeit und somit als unbezahlte Zeit gemacht werden und trotzdem

wichtig sind und bei keiner Tagesmutter fehlen sollten)  und

Fachliteratur, Werbekosten für freie Plaetze ect. fallen an.

Das alles muss erst einmal verdient werden und nicht selten hat eine

Tagesmutter wochen- bzw. monatelang freie Plätze und somit auch

erhebliche Verdienstausfälle.

 

Manche Eltern beschweren sich darüber, wenn die Tagesmutter bezahlten

Urlaub nimmt, meist mit dem Argument, dass sie ja für diese Zeit eine

Ersatzbetreuung brauchen.

Ich kann da nur anführen, dass jeder der arbeitet normalerweise

bezahlten Urlaub nimmt und die Tagesmuetter geben ihren Urlaub ja auch

immer so rechtzeitig bekannt, dass die Eltern ihren Urlaub damit

abgleichen koennen und somit keine Ersatzbetreuung anfällt.

 

Das Gleiche gilt für Krankheitstage auf beiden Seiten.

Die Tagesmutter hat sich die Zeit zur Betreuung des Kindes

freigehalten und behält deshalb auch den Anspruch auf die Beiträge.

Auch wenn ein Kind früher abgeholt wird oder vorzeitig aus der

Betreuung ausscheidet behält die Tagesmutter den Anspruch auf

Bezahlung waärend der Kündigungsfrist, da sie ja dem Kind auch den

Platz reserviert hat bzw. willens war das Kind bis zum ausgemachten

Zeitpunkt zu betreuen und alle Termine darauf abgestimmt hat.

 

Wenn man nun die Kosten der Kinderbetreuung gegen die Arbeitszeiten

der Tagesmutter aufwiegt wird man sehr schnell feststellen, dass man

sich mit dem Beruf der Tagesmutter keine "goldene Nase" verdienen kann.

 

Das von der Tagesmutter auf der Abrechnung einzeln aufführte und

quittierte Betreuungsgeld ist der Bruttoverdienst von dem Sie allerdings

in der Regel auch noch die Differenzen zwischen der Betriebskostenpauschale                  und den tatsächlich entstehenden Aufwendungen zu decken hat. Dies ist

auch der Teil der Kosten für die Fremdunterbringung ihres Kindes den

Sie steuerlich geltend machen dürfen. Die Betriebskosten würden bei einer

Betreuung zu Hause auch anfallen und sind daher nicht steuerlich

absetzbar. Die Tagesmutter muss aber auch für diese Einnahmen Steuern,

Sozialabgaben und Versicherungen zahlen obwohl diese dafür ausgegeben

werden und somit der Tagesmutter nicht als Verdienst zur Verfügung

stehen.

Sie erhalten von mir zum Betreuungsjahresende eine Bescheinigung ueber

die gezahlten Betreuungsgelder des vergangenen Jahres. Diese legen Sie

bitte bei Ihrem zustaädigen Finanzamt vor und tragen Sie auf dem

Formular "Kind" den von mir ausgewiesenen Betrag in der Spalte

Kinderbetreuungskosten ein.

 

Alles in allem ist es mir aber wichtig noch einmal zu betonen das ich

meinen Beruf gerne und aus voller Überzeugung ausübe und zwar nicht

aus Geldgründen oder weil ich "zu faul" bin "was Richtiges" arbeiten

zu gehen, denn Kinderbetreuung ist eine "richtige" Arbeit, auch wenn

sie im eigenen Haushalt ausgeführt wird und außerdem mein 

Ausbildungsberuf, sondern weil ich es gerne mache!

 

Ich hoffe und kämpfe auf und für Anerkennung meines Berufes bei

Eltern, Kolleginnen, Politikern und allen Menschen damit meine Arbeit

vielleicht irgendwann einmal anerkannt wird, denn leider haben meine

Kolleginnen und ich die Erfahrung gemacht, dass jede Putzfrau

anerkannter ist als wir, da sie nach der Meinung Vieler richtig

arbeitet und wir nur ein bisschen mit den Kindern spielen... Oder wie

sonst ist es zu verstehen, dass einer Putzfrau selbstverständlich 

12 bis 15 Euro in der Stunde bezahlt werden, mit der Tagesmutter aber

um jeden Cent gefeilscht wird.

 

Ich selber habe lange nach einer Putzfrau gesucht, die Quittungen

ausstellt, die meisten wollen "schwarz" arbeiten. Bei den meisten

Putzfrauen ist das was sie erhält wirklich der Reingewinn, da Ihr

die Arbeitsmaterialen gestellt werden und sie auch sonst kaum Unkosten

durch ihre Tätigkeit hat. Ich möchte nicht die Putzfrauen

abqualifizieren, doch ich denke, es ist ein gutes Vergleichsbeispiel

zur Tagesmutter... öfter schon kam mir der Gedanke ob den Menschen

eine saubere Wohnung wichtiger ist und daher auch finanziell

selbstverständlich besser honoriert wird als eine liebevolle und

engagierte Betreuung und Förderung eines Kindes.

 

Ich hoffe, dass ich mich damit bei dem Großteil der abgebenden Eltern

irre und denen, die bisher dem Irrglauben verfallen waren, dass eine

Tagesmutter mit einem bisschen Spielen, Wickeln und Füttern bei den

üblichen Betreuungssätzen reich wird einen Anstoss zum Nachdenken

gegeben habe. Und die, die schon eine Tagesmutter haben und auch

zufrieden ihre Arbeit honoriert haben zeigen nun sicherlich

Verständnis dafür, dass eine private Betreuung in punkto Kosten

nicht mit den billigeren, aber grundsätzlich vom Land, dem Träger und

dem Bund subventionierten öffentlichen Einrichtungen konkurrieren

kann. Dort zahlen die Eltern

nur 18 % der tatsächlich entstehenden Kosten, wenn man die Beträge                             auf 100% bringt käme man auf einen wesentlich höheren Elternbeitrag                          als bei einer Tagesmutter.

Am Ende dieses Briefes ist es mir aber noch einmal besonders wichtig,

nicht als Furie zu wirken, ich arbeite seit Jahren gerne und

erfolgreich als Tagesmutter und habe bisher überwiegend gute

Erfahrungen machen dürfen. Aber aus den wenigen negativen Erlebnissen

und aus dem Austausch mit anderen Tagesmüttern sind mir einige Dinge

klargeworden bei denen es wohl immer wieder zu Missverständnissen und

Unstimmigkeiten kommen kann. Deshalb habe ich mir die Muüe gemacht

und diesen offenen Brief verfasst um solchen Situationen aus dem Wege

zu gehen.

 

Ich denke, dass wenn Sie mich kennen gelernt haben, Sie mich und meine

Arbeit einzuschätzen wissen und keine Angst bekommen nur weil ich

hier einmal deutlich auf den Punkt gebracht habe was zwischen vielen

Eltern und Tagesmuettern unausgesprochen bleibt/geblieben ist. Nichts

ist für alle Seiten wichtiger und befriedigender als ein harmonisches

und entspanntes Verhaätnis zwischen Eltern, Tageseltern und Kindern.

 

In diesem Sinne verbleibe ich mit den herzlichsten Grüßen und der

Hoffnung auf ein langjähriges, erfolgreiches und für alle Seiten

befriedigendes Betreuungsverhältnis.                                                        

                                                              

                                                                                              

Ihre (vielleicht zukünftige) Tagesmutter

                         

Daniela Lord